TurmKirche1

Erläuterungen zum Fensterband (aus der Festschrift zur Einweihung der Kirche aus dem Jahr 1976)

In Deckenhöhe wird der sechseckige Hauptraum der Kirche von einem figürlich gestalteten Fensterband wie von einem farbigen Teppich umschlossen, während die Seitenkapellen, Nischen und Türen ornamental verglast sind. Die Entwürfe stammen von Schwester Erentrud Trost, Abtei Varensell.

Die Szenenfolge des Fensterbandes beginnt aufsteigend rechts der OrgelFensterSonne-05, läuft dann um die Kirche herum und schließt absteigend mit dem Marienfenster links neben der Orgel abFenster-01. Insgesamt stellen die Fenster das Einwirken Gottes auf die Menschheit dar, die Heilsgeschichte. Gott steht am Anfang und am Ende der Zeit. Er ist der Anfang und das Ende der Geschichte. So sieht der biblische Geschichtsschreiber ihn als den über der Schöpfung Waltenden. “Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.” Damit beginnt es. “Gottes Geist aber schwebte über der Urflut, über den Wassern” (Gen. 1, 1 und 2). Wasser der Himmel, Wasser der Erde, Regen, Quellen, Bäche, Wasserfälle, alles das sagt diese Ornamentik des ersten langen aufsteigenden, den Umlauf beginnenden Fensters aus: Kraft der Urflut, schon gesteuert von Gottes Geist. Die “Lichter” sind schon angedeutet, beginnende Fruchtbarkeit, beginnende Ordnung. Die folgende Szene zeigt dann das Paradies, den Garten der Wonne, in ihm der Mensch als Ganzheit, als Mann und Frau. Weiter angedeutet sind die Versuchung und der Sündenfall durch die Schlange und die Vertreibung durch das Flammenschwert. Dieser anfangs Gott zugewandte Mensch hat versagt, weil er sein wollte wie Gott. Er wollte nicht mutig dienen (Demut), sondern selbstherrlich herrschen.

Jetzt stellt die Künstlerin dar, wie Gott mit dem Menschen einen neuen Anfang wagt. “Nur Noah fand Gnade in seinen Augen” (Gen. 6, 8). Noah in der Arche: Errettung aus dem Untergang. Noah streckt die Hand aus nach der Taube, ein Zeichen des Friedens mit Gott.

Im Fortlauf der Heilsgeschichte versagt der Mensch wieder. Und wieder versucht Gott es aufs Neue mit dem Menschen. Er beruft Abraham aus der Menge der Völker, um ihn zum Stammvater seines Volkes zu machen. Abraham zog fort aus seiner Heimat, der festen Stadt, und gehorchte gläubig der Verheißung Gottes: “Schaue hinauf zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst … so wird deine Nachkommenschaft sein” (Gen. 15, 5).

Abraham wird der Stammvater des auserwählten Volkes. Hier beginnt die Geschichte Gottes mit diesem Volke. Dieser Gott wird von nun an Gott Abrahams heißen. In Mamre besucht Gott Abraham. Er begegnet ihm in Gestalt dreier Männer - Engel. Auf dem Bild stehen die Männer im Schutz des Baumes und Abraham neigt sich, sie zu empfangen und zeigt in seiner Gebärde Hingabe und Annahme. Die bildhafte Verschmelzung der drei Männer mit Abraham deutet in der Größenordnung den Abstand zwischen Gott und Mensch an und zugleich, dass Abraham nur aus Gott heraus lebt und aus ihm allein Kraft schöpft.

Als nächstes Bild folgt dann der Jakobskampf. Jakob, geflohen vor seinem Bruder Esau, den er betrogen hatte, kehrt heim. Jakob ringt mit Gott um den Segen. Zuvor aber muss er sich zu seinem Leben bekennen. Er bekennt, dass er “Jakob”, d. h. der “Betrüger”, heißt und dass er sich in die Macht Gottes begibt. Dann wird er gesegnet und zugleich auch an der Hüfte gezeichnet. Von nun an hinkt er durch das Leben. Diese Szene ist eingebettet in die Gloriole der Flügel - ein Hinweis, dass Gottesbegegnung immer Gnade, d. h. Geschenk Gottes, ist.

Das ist die Patriarchengeschichte: Schuld und Sühne, Verheißung und Treue.

Gott hatte dem Abraham schon offenbart, dass seine Nachkommen lange Jahre als Fremdlinge leben müssten. Jetzt beruft er Mose. So erscheint er dem Mose aus dem brennenden Dornbusch heraus. Schuhe und Hirtenstab hat Mose abgelegt, sein Gesicht in Ehrfurcht und Furcht verhüllt vor dem Lebendigen, dessen Gesicht niemand schauen kann, ohne zu sterben. Mose vermag in der Kraft Gottes das Volk Israel aus Ägypten zu befreien. Dieses Volk, dessen Gesichter nur angedeutet sind, zieht durch die Wasser des roten Meeres, das sich zu beiden Seiten auftürmt, hinter Mose her in die Freiheit. Mose - der Führer - ist dabei dargestellt als Hirt. Gott zieht voran auf dem Weg durch das Meer, durch die Wüste - die Wolke, die Feuersäule - zum Gottesberge Sinai - Horeb. Hier am Sinai erhalten die Israeliten das Gesetz. Hier werden sie zu einem Volk aus vielen Stämmen zusammengeschlossen. Hier wird der Bund geschlossen. Furcht und Erschrecken sind durch die Haltung des Volkes angedeutet. Die Wolke lagert über dem Berg.

In der Folgezeit war das Volk ständig in Gefahr, sich von Gott abzuwenden und fremden Göttern nachzulaufen. Der bedeutsamste Fortschritt der alttestamentlichen Offenbarung Gottes, die immer stärker auf das Kommen des Messias ausgerichtet war, hat sich in Botschaft und Wirken der Propheten niedergeschlagen. Im Propheten spricht der Herr auch den Menschen persönlich an, immer aber ist dieser Einzelne dann erwählt für den anderen. So Elia unter dem Königspaar Achab und Jezebel.

Das folgende Bildband zeigt Ausschnitte seiner Lebensgeschichte. Elia - von Gott gerufen - hat dem Achab verkündet, es werde drei Jahre nicht regnen. Dann zieht er sich auf Geheiß Gottes in die Wüste zurück und wird am Bach Kerit von einem Raben versorgt. Die eigentliche Widersacherin ist aber Jezebel, die Frau Achabs, eine sidonitische Prinzessin. Sie hat ihre Priester und den Baalskult mit an den Hof gebracht. Die Propheten des Herrn ließ sie töten und nur Elia ist übrig geblieben. Nach dem Gottesgericht am Berge Karmel, nachdem das Volk auf das Feuer Gottes hin sich wieder zu Gott bekannt hat, hat Jezebel geschworen, Elia zu töten. Der fürchtet um sein Leben, flieht in die Wüste und wünscht sich in seiner Verzweiflung den Tod. Gott stärkt ihn durch seinen Engel.

Schickt Gott nicht immer seinen Engel, irgendeinen Trost, wenn wir am Ende sind?

Elia geht gekräftigt weiter bis zum Berge Horeb, wo er Gott schauen darf. In einer Felsspalte verhüllt er sein Gesicht, indem er mit seinem Arm seinen Mantel herüberzieht. Seine Handhaltung ist empfangend: Er erhält neue Weisung von Gott, Könige zu salben und Elisäus zu berufen. Beim nächsten Bild der Entrückung nimmt sich Elisäus den Mantel des Elia, der diesem entfällt, und teilt damit das Wasser. Darauf sagen die Prophetenjünger: “Der Geist des Elia ist auf ihm” (Kön 2, 15).

Der restliche Teil des Fensterbandes hebt sich in der farblichen Intensität von dem Bisherigen deutlich ab.

Jesus ist der wahre Messias, der Prophet, der da kommen sollte. Er ist das letzte und endgültige Wort des Vaters in die Welt. “Der Geist des Herrn hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, den Armen Frohbotschaft zu bringen…” (Lk 4, 18).

Auf die Anfrage der Johannesjünger: “Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir einen anderen erwarten?” folgt die dargestellte Szenenreihe als Antwort: “Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird frohe Botschaft verkündet…” (Lk 7, 18; 7, 22) Die einzelnen Bilder zeigen, dass Jesus immer mehr ist als Abraham, Mose, Elia usw. Er sagt, dass Gott nur das Heil will, dass er sich jedes Einzelnen erbarmt; denn Jesus gibt sich jedem, der ihn sucht, ganz hin. Dieser Weg führt ihn ans Kreuz. Wir wissen aber: Seit Jesus einer der Unseren geworden ist, sind wir nicht mehr allein. Immer ist er schon da, auch wenn wir in der Einsamkeit, in der Wüste sind. Sein Kreuzestod ist unser Lebensquell. Diese für unser Leben wichtigste Heilslehre findet ihre dichteste Aussage in der “Turris”, dem Bereich unserer Kirche, der das Allerheiligste, den gegenwärtigen Christus im Tabernakel, durch die aufsteigenden Decke und den herausragenden Anbau besonders betont. Die großen Fensterflächen betonen in besonderer Weise Christus als die Mitte unseres Lebens: Jesus der Weinstock - wir die Rebzweige. Er ist die Quelle lebendigen Wassers, die Quelle unseres Lebens. Sein Kreuz ist für uns der Baum des Lebens. Und weil er sich für uns hingegeben hat, können wir nun immer wieder in die Arme des Vaters finden, heimkehren aus allen Nöten, aus aller Schuld, wie auch der verlorene Sohn in die Arme des guten Vaters zurückkehrt.

In der Feier der Eucharistie verkünden wir “Christi Tod und Auferstehung, bis er kommt in Herrlichkeit.” Das ist die Aussage des Fensters im Altarbereich. FensterOben-04Der Herr wird einst wiederkommen mit all seinen Heiligen, um uns heimzuholen in das Reich seines Vaters, in das er uns vorausgegangen ist, um uns eine Wohnung zu bereiten, uns heimzuholen in seine Herrlichkeit. Das ist der Anfang des ewigen Lebens, die Zukunft, die schon mit ihm und in ihm begonnen hat. Da das Ewige, der Himmel, nicht zu beschreiben ist (“Was kein Auge gesehen, was kein Ohr gehört hat, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben”), schließt das Fensterband im Altarbereich ab mit symbolischen Darstellungen des himmlischen Jerusalems, die sich auf die Geheime Offenbarung des hl. Johannes beziehen (hl. Stadt, hohe Mauer, zwölf Tore, Strom und Lebenswasser, Apok 21, 12, 22, 1).

Das Marienfenster gibt die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Mariens wieder. Maria aus dem Stamm Isai (“Reis aus der Wurzel Jesse”), die Verkündigungsszene, Maria bei Elisabeth, Maria in der Gloriole; denn “was aus ihr geboren ist, ist vom Heiligen Geist” (Math 1, 20), ist heilig. Die Mitte aber ist das Kind, mit dem Gottes Zukunft beginnt; und alles ist gewirkt vom Heiligen Geist, dem Geist Gottes, der schon im Anfang über der Schöpfung ruht.